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Interview mit Abteilungsvize Carsten Böger

Andreas: Nabend Carsten, im Rahmen des 100-jährigen-Jubiläums in 2026 wollen wir einen Blick auf die aktuelle Lage des SC Borchen werfen und hinter die Kulissen schauen. Diese Fragerunde führt uns heute in die Judo-Abteilung. 

Judo ist schon seit spätestens 1976 und damit 50 Jahre in Borchen beheimatet, selbst ich habe diesen Sport in der Kindheit drei Jahre lang ausgeübt, allerdings nur, weil ich dachte, dass man da nicht so viel laufen muss. Was macht diesen Sport so besonders und wie läuft der Trainingsalltag sowie das Wettbewerbsgeschehen ab?

Carsten: Was diesen Sport ausmacht ist zum einen sicherlich die Ästhetik. Wenn z.B. eine Wurftechnik perfekt ausgeführt wird, übt das schon eine gewisse Faszination auf mich aus. Zum anderen ist es die Philosophie dieses Sports, der bestimmte Werte im Fokus hat und ein faires Miteinander pflegt. Ums Aufwärmen und eine gewisse Grundkondition kommt man sicherlich nicht drum herum, gerade auch, wenn man sportlich etwas erreichen will. Wenn die Kinder, teils mit sieben, acht Jahren, zu uns kommen, gilt es natürlich sie erstmal an den Sport heranzuführen. Dabei geht es ums richtige Fallen, Abrollen, etc. Also schlicht gesagt, um Koordination und Körperbeherrschung. Mit dem Erlernten geht es dann immer weiter ins Detail und es gilt Würfe und Grifftechniken zu perfektionieren. So versucht man sich dann, in Richtung DAN, der Meisterprüfung, hochzuarbeiten. 

Wenn es um die Wettbewerbe geht, dann findet man uns eher auf Kreisebene, wo z. B. der TV Paderborn, der JC Schloss Neuhaus und der TV Salzkotten jedes Jahr Pokalturniere ausrichten und man Punkte in einer Pokalwertung sammeln kann. So wird am Ende des Jahres dann ein Kreispokal in den unterschiedlichen Alters- & Gewichtsklassen ausgekämpft. Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel, denn auch der SC Borchen hat schon das ein oder andere Talent herausgebracht. So konnte ein Jan Zernke schon mal an den Deutschen Meisterschaften und ein Luca Kremer an einem internationalen Turnier in Belgien teilnehmen. Mein Bruder Markus und ich waren tatsächlich auch im Kata-Bereich in Italien und Ungarn auf Turnieren unterwegs. 

Sogenannte Katas sind Technikabfolgen, die von den alten Meistern entwickelt wurden, um technische Aspekte an ihre Schüler weiter zu geben. Der Schwerpunkt im Judo liegt aber eben doch auf dem sportlichen Wettkampf. Für diesen gilt es dann auch Krafttraining zu absolvieren und die Belastbarkeit auszutesten, was frühestens mit 13-15 Jahren praktiziert wird. Da kommen dann zum Beispiel Hilfsmittel, wie „Bulgarian Bags“, 30kg-Wurf-Dummies, oder Kletterseile aus Judo-Anzugsstoff zum Einsatz – der Muskelaufbau wird so angetrieben und Grifftechniken können, ohne Gegenwehr einstudiert werden. Auch hat unser Kollege, Stephan Zernke, ein auf uns abgestimmtes Circle-Training entwickelt, sodass wir alle auf einem Level sind. Ansonsten, und das kann man hier vielleicht noch anbringen, ist bei uns jeder willkommen. Der Wettkampf teilt sich nämlich in Gewichtsklassen auf, sodass es theoretisch keine Grenze gibt. Allerdings, und das ist dann schon eine Einschränkung, darf der leichtere Sportler in die höhere Gewichtsklasse wechseln, der Schwerere aber nicht in die Niedrigere. Beim Training egal, für Turniere dann eventuell ein Nachteil, wenn es keine Personen in derselben Gewichtsklasse gibt und niemand Leichteres höher kämpfen möchte.     

Andreas: Du sprachst die Werte eben schon an. Im Judo wird besonders auf die zehn folgenden geachtet: Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Respekt, Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit, Bescheidenheit, Wertschätzung, Mut, Selbstbeherrschung und Freundschaft. Irgendwie schwer, die alle unter einen Hut zu bringen, oder wie interpretierst Du das?

Carsten: Bei den asiatischen Sportarten, zu denen Judo zählt, sind diese Werte hoch angesehen und werden in der Gesellschaft auch weitestgehend verkörpert. In Japan, dem Mutterland dieses Sports, geht man respektvoll mit dem Gegenüber um, was allein schon die klassische Verbeugung bei der Begrüßung zeigt, die im Judo ebenfalls vor Kampfbeginn ausgeführt wird. Natürlich ist dieses Umgangsverhalten nicht 1:1 auf Europa zu kopieren, da hier einfach eine komplett andere Kultur herrscht als in Japan. Wer sich aber mit asiatischen Kampfkünsten und deren Geschichte befasst, wird gewisse Dinge auch in seinen Alltag einbauen. Gerade diese „exotischen“ Aspekte machen das Hobby eben auch reizvoll.

Andreas: Kurzer Überblick: Wie ist die Judo-Abteilung aktuell aufgestellt? Seid Ihr zufrieden oder ginge noch mehr?

Carsten: Derzeit haben wir etwas mehr als 120 Abteilungsmitglieder, wovon der Großteil aber ziemlich jung, sprich unter vierzehn Jahren, oder schon im Seniorenbereich aktiv ist. Die Mittelschicht, also der Bereich zwischen 15-25 Jahren fehlt uns ein bisschen, was aber wohl in vielen Vereinen/Abteilungen der Fall sein dürfte, wenn die Schulzeit vorbei ist und der berufliche Weg eingeschlagen wird. Das spiegelt sich dann teilweise auch in der Trainerstruktur wider, wo wir mehrere alte Hasen haben, die schon teils Jahrzehnte dabei sind und immer wieder ihr Wissen vermitteln. Ohne dieses langjährige Engagement wäre es derzeit schwer die Abteilung auf dem aktuellen Niveau zu halten. Also bei Interesse immer gern vorbeikommen. Wir sind montags und freitags in der Grundschulturnhalle in Kirchborchen zu finden.  

Was in unserer Abteilung leider auch nicht so ausgeprägt ist, ist das breite Sponsoring, wie es bei den Ballsportarten, gerade beim Fußball, praktiziert wird. Wenn bei uns jemand erfolgreich ist und auch mal bei größeren Turnieren antreten kann, dann muss der Großteil aus eigener Tasche bezahlt werden – vom Verein gibt es dann nur den obligatorischen Zuschuss. Judo ist, so gesehen, noch eine Randsportart.

Andreas: In den asiatischen Kampfkünsten kann man sich stets weiterentwickeln und durch Prüfungen die nächste Stufe erreichen. Beim Judo sind es allein neun Prüfungen, bis zum ersten DAN. Schreckt das vielleicht auch Interessierte ab? 

Carsten: Abschrecken will ich nicht sagen, aber der Sport hat sich dahingehend weiterentwickelt, dass er sich breiter fächert. Früher war der Weg und den favorisiere ich eigentlich bis heute: Es steht eine Prüfung an, du zeigst acht Würfe und bekommst den höheren Gurt. Seit Jahren und da hat sich der Deutsche-Judo-Bund an den Franzosen orientiert, möchte man nicht mehr so stringent sein und hat die Prüfungsordnung überarbeitet. Es gibt jetzt bei dem Wurf von früher mehrere Varianten, die man vorführen kann. Man ist freier geworden, benötigt aber auch immer zwei Prüfungen, um die nächste komplette Gurtfarbe zu erreichen. Ob das jetzt besser ist, müssen andere beurteilen – ich persönlich finde es unübersichtlicher. 

Andreas: Der Abteilung zugeordnet sind noch „Historisches Fechten“ (HEMA) und „Ving Tsun“. Schaut ihr bei denen auch schon mal rein und könnt euch Elemente abgucken – wie ist der Austausch?

Carsten: In der Anfangsphase hatten wir kurzzeitig Berührungspunkte zu den Fechtern und haben auch den ein oder anderen Lehrgang zusammen gemacht – denn beim Historischen Fechten geht es auch in die Nahdistanz und um den Einsatz von Ringertechniken; da gab es dann Überschneidungen zum Judo. Seit ihrem Start im SCB haben sich die Fechter aber deutlich weiterentwickelt – weg von einem ursprünglich von einem einzelnen Sportkameraden entwickelten, sportlich/philosophischen System mit asiatischen Elementen – hin zu historisch belegten, europäischen Fecht-Stilen. So werden z.B. historische Manuskripte zur (Neu)Interpretation von alten Fecht-Techniken herangezogen. Das Ganze wird dann auch in Wettkämpfen auf die Probe gestellt.

Mit Ving Tsun haben wir aktuell gar keine Berührungspunkte. Das Ving Tsun ist ein Kung Fu-Stil, der sehr auf Selbstverteidigung aus ist und schnelle Techniken einbindet. Aufgrund des SV-Schwerpunktes gibt es im Ving Tsun auch keine sportlichen Wettbewerbe. Beim Judo liegt der Kern auch nicht mehr in erster Linie auf der Selbstverteidigung, sondern bedient eher die sportlichen Gesichtspunkte. So hat sich Judo, wenn man so will, vom ursprünglichen Zweck her gewandelt.

Andreas: Zum Abschluss: Was wünschst Du dem SCB für die nächsten 100 Jahre?

Carsten: Kurz und knapp gesagt, wünsche ich dem SC Borchen, dass die Angebots-vielfalt erhalten bleibt und dass das Engagement der Ehrenamtler nicht nachlässt.

Andreas: Danke Carsten für das ausführliche Gespräch und die Einblicke in deine Abteilung. Ich wünsche dir und deinem Team weiterhin ein gutes Händchen, zum Wohle unseres SC Borchen.