Andreas: Tag Christian, im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums in 2026 wollen wir nicht nur einen Blick auf die aktuelle Lage des SC Borchen werfen, sondern auch hinter einstige Kulissen schauen. Du als Ehrenmitglied und jahrelanger Vorsitzender des SC Borchen hast hier bestimmt einiges zu berichten.
Der SC Borchen feiert das 100-jährige, anlässlich des Jahres, an dem zum ersten Mal der Fußball offiziell in Borchen rollte. Fällt es Dir, als Nordborchener schwer, dass Kirchborchen hier eher am Drücker war?
Christian: Offiziell mag dies der Fall sein, aber so ganz genau kann man es, glaube ich, gar nicht sagen. Als wir uns zum 75-jährigen mit der Festschrift vom fünfzigsten Vereinsgeburtstag von Josef Rennkamp, auseinandergesetzt haben, ist dort die Rede davon, dass vor dem Ende des ersten Weltkrieges englische Kriegsgefangene den Fußballsport nach Borchen brachten und in der Mersch gespielt haben. Ob dort nur Kirchborchener oder vielleicht auch ein paar Nordborchener trainiert haben, ist nicht überliefert. Das ist aber auch nicht ausschlaggebend. Wichtig ist, dass der Fußballsport in Borchen Einzug gehalten hat und mich schmerzt es auch nicht, dass Kirchborchen hier früher erwähnt wurde. Mit unserem Nachbardorf habe ich eh keine kritischen Berührungspunkte, was man sicherlich schon daran sieht, dass meine Frau aus dem Nachbardorf stammt. Zudem haben die Nordborchener zwar erst später mit dem Fußballspielen begonnen waren in ihrer Geschichte, aber deutlich erfolgreicher als die Kirchborchener, die den Sprung in die Bezirksliga nie geschafft haben.
Anfreas: Erzähl uns kurz was zu Deinem Werdegang beim SCB, denn die meisten kennen Dich sicherlich nur von oberster Position, als Vorsitzender des Gesamtvereins und nicht von der Pike auf.
Christian: 1971 bin ich mit acht Jahren in den Verein eingetreten und habe den klassischen Durchlauf gemacht: Knaben-, Schüler-, B- & A-Jugend-Mannschaft und Dritte (hier war ich sogar Kapitän), bis ich dann zur Bundeswehr musste. Zu diesem Zeitpunkt war mein Kumpel, Michael Hahn, Trainer der B-Jugend und suchte Fahrer für die Auswärtsspiele – es war seinerzeit nämlich nicht üblich, dass die eigenen Eltern gefahren sind. Ich wollte damals auch ein bisschen zurückgeben, schließlich hatten mich über Jahre auch meine Trainer, wie Aloys Winter, Bernhard Voß oder die Budden-Brüder von Sportplatz zu Sportplatz gefahren. Über diese Schiene wurde ich dann 1982 in den Trainer/Betreuer-Stab der Jugend aufgenommen. Als 1988 dann Manfred Bielefeld im Jugendbereich aufhören wollte, wurde ich zweiter Obmann und später aufgrund meines beruflichen Werdegangs für die Sozialarbeit im Präsidium herangezogen. Das war in den Jahren nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 schon eine herausfordernde Aufgabe, da die Ascheplätze fast überall gesperrt waren und zig Spiele verschoben oder abgesagt wurden. 1994 wurde ich dann zum ersten Mal angesprochen, ob ich nicht den Vorsitz des Vereins übernehmen möchte, lehnte dieses aber ab. Ich hatte gerade gebaut, eine Familie gegründet, plante meine berufliche Selbstständigkeit und wollte mich zu dem Zeitpunkt noch nicht als Hauptverantwortlicher ganz nach vorn stellen. Acht Jahre später war es dann aber soweit und ich löste 2002 Hans-Dieter „Putty“ Nagel ab. Zum ersten Mal stand ein Nordborchener dem Verein vor und dann auch noch ein Evangelischer – das sorgte natürlich für Diskussionen. Aber mit den Jahren konnten dann auch diese Vorurteile abgebaut werden. Meinen Abschied wollte ich dann eigentlich im Jahr 2020 geben und mich mit der selbstkreierten SCB-Hymne aus dem Vorstand verabschieden. Da hier aber bereits die Planungen für die Outdoor-Arena und damit das nächste große, sportliche Projekt liefen, habe ich noch einmal zwei Jahre drangehängt. Einen neuen Vorsitzenden, der sich erstmal einarbeiten muss, sollte man nämlich nicht unbedingt direkt mit einer derartigen Aufgabe belasten!
Andreas: Als Präsident eines so großen Vereins, wie geht man da an die Sache ran, bzw. was waren Deine konkreten Ziele, als Du den Vorsitz übernommen hast?
Christian: Allererstes Ziel war die Aufstockung des Sportheims Hessenberg, da hier alles aus den Nähten platzte und dringend neuer Raum geschaffen werden musste. Dabei war das eine wahre Mammutaufgabe, denn im Gegensatz zu heute, wo derartige Baumaßnahmen über die Gemeinde abgewickelt werden, waren wir damals die Bauherren und hatten auch die Finanzierung zu stemmen und das alles im Ehrenamt. Im Großen und Ganzen lag dann der Fokus auf der Entwicklung unserer Sportstätten, gerade für den Breitensport. Vom Hessenberg, über Bohnenkamp, bis Gallihöhe wurden hier teils harte Verhandlungen mit der Borchener Verwaltung geführt. Für die Dreifachsporthalle haben wir vom SC Borchen richtig gekämpft und nach Jahren dann die Zustimmung aus der Politik erhalten. 98 % unserer Wünsche wurden hier umgesetzt, aber an einem Sonnenschutz oder einer Starkstromdose im Außenbereich wurde dann gespart. Ich erinnere mich noch an die Worte von Bürgermeister Schwarzenberg: „Irgendwann ist auch mal Schluss!“ Wir dachten eben damals schon daran, dass bei einem Hallenturnier auch mal ein Imbisswagen vor der Tür stehen wird, das haben andere zu der Zeit eben nicht gesehen und so musste später nachgerüstet werden. Auch der Wunsch, den Schriftzug „Sporthalle Gallihöhe“ an die Außenfassade zu bringen, musste verworfen werden, da der Architekt dadurch das Erscheinungsbild seines Gebäudeentwurfs beeinträchtigt sah. Aber das waren letztendlich Kleinigkeiten – wichtig war ja, dass die Halle gebaut wurde und damit haben wir hier in Borchen einen Meilenstein geschaffen.
Andreas: Als ehemaliger Fußballer: Behandelt man im Ganzen alle Abteilungen auf Augenhöhe, oder ist der Hang zur selbst durchgeführten Sportart größer?
Christian: Die Gefahr habe ich natürlich von Anfang an gesehen. Im Fußball kannte ich mich seit Jahrzehnten aus und wusste, wo ich anpacken musste, wenn der Schuh drückt. Dennoch war es mir stets ein Anliegen, allen Abteilungen gerecht zu werden und hier komme ich auf einen Grundgedanken unserer Arbeit zu sprechen. Im SC Borchen wird Solidarität nicht nur angesprochen, sondern auch gelebt! Geht es einer Abteilung in irgendeiner Weise nicht so gut, versuchen die anderen zu unterstützen. Genauso werden die Allgemeinkosten vom Hauptverein getragen, um die Abteilungen zu entlasten. In einer Hinsicht bin ich aber immer in den alten Fußball-Seilschaften hängen geblieben. Wurden irgendwo Hand- und Spanndienste benötigt, genügte es oft eines Anrufs bei den alten Strategen und ich wusste, dass ich mich auf die Garde verlassen kann. Das läuft bis heute einwandfrei, siehe den Auf- & Abbau beim Adventsmarkt, oder erst noch die Pflasterarbeiten bei der Outdoor-Arena. Mit dieser Truppe im Rücken kann immer noch einiges bewegt werden!
Andreas: Du sprachst es schon an: Ohne die Leute drum herum ist das Ganze nicht machbar und deren Einsatz ist es bestimmt zu verdanken, dass der Bundestag 2017 beschlossen hat den SCB zum Integrationsstützpunkt zu ernennen. Wie wichtig war Dir damals dieses Thema?
Christian: Integration oder Inklusion sind, gerade im Sport, immer wichtige Themen, aber soweit ich mich erinnere, ist dieser Antrag gar nicht aus dem Hauptvorstand heraus gestellt worden. Dass der SC Borchen zum Integrationsstützpunkt ernannt wurde, haben wir einigen besonderen Menschen in unserem Club zu verdanken. Federführend würde ich hier den leider schon verstorbenen Christoph Rothmann herausnehmen. Für ihn war der Sport sicherlich das einfachste Instrument, Menschen in der Gesellschaft zu integrieren. Diese Motivation lebte er gerade im Zeichen der Flüchtlingskrise, ab dem Jahr 2015, wobei das für ihn wohl eher eine Chance war, den Neuankömmlingen Mut und Hoffnung zu geben. Das war allerdings gar nicht so einfach, als die unterschiedlichen Kulturen, mit anderen Zeitrhythmen, aufeinandertrafen. Oft musste Christoph die Männer nachmittags wecken und auch abholen, damit sie überhaupt zum Training kamen etc. Auch gab es zu Anfang Sprachbarrieren, wo ich Eckhard „Eckus“ Wiedemann gern erwähnen möchte, der zu der Zeit, als ehemaliger Englischlehrer, den Dolmetscher im Verein spielte. Alles kleine Eckpunkte, die gezeigt haben, dass der SC Borchen weltoffen ist und die uns letztendlich zu einem Zentrum der Integration gemacht haben.
Andreas: Zum Abschluss: Was wünschst Du dem SCB für die nächsten 100 Jahre?
Christian: Wie es gerade schon angeklungen ist, hoffe ich, dass der SC Borchen auch in Zukunft jedem Menschen eine Heimat bietet, der Sport in irgendeiner Form betreiben möchte. Ich wünsche mir, dass die Vielfältigkeit dem Verein erhalten bleibt und wir eine bunte Vielfalt an Sportkursen ermöglichen können. Hier ist aktuell, unter der Leitung von Katrin Klugmann, ja einiges in Bewegung und das kann ich nur befürworten. Ohne Ehrenamtler und einen Vorstand funktioniert das ganze Konstrukt allerdings nicht! Von daher hoffe ich auf weiterhin motivierte Leute, die Verantwortung übernehmen werden und sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Durch dieses Engagement werden unsere beiden Orte, Nord- & Kirchborchen, noch enger verwachsen und den vereinsübergreifenden Zusammenhalt stärken. Ich erinnere mich hier gern an das Gastspiel des SC Paderborn im Jahr 2013, als am Bohnenkamp nicht nur knapp 2.000 Zuschauer anwesend waren, sondern auch Spielmannszug und Blaskapelle aus den beiden Ortsteilen den passenden musikalischen Rahmen boten und gar nicht mehr aufhörten zu musizieren. Wenn wir diesen Einklang untereinander beibehalten, dann stärkt uns das sicherlich alle. Bleibt mir zum Abschluss eigentlich nur noch eins zu wünschen: „Immer genug Luft unterm Flügel!“
Andreas: Danke Christian für das ausführliche Gespräch und die Einblicke in Deine aktiven Jahre beim SC Borchen.


