Rensing: Nabend Guido, im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums in 2026 wollen wir einen Blick auf die aktuelle Lage des SC Borchen werfen und hinter die Kulissen schauen. Als Vorsitzender des SC Borchen starten wir die Interviewreihe natürlich mit Dir!
Die Fusion des SC Borchen fand bereits 1970 statt und damit wurde der SCB zum Vorreiter in der Region. Den Weg, den in den letzten Jahren zahlreiche Vereine gegangen sind, bzw. gehen mussten, leben wir hier seit 55 Jahren. Ein Vorteil für uns?
Ahle: Natürlich ist das ein Vorteil. Damals hat man, so glaube ich, unwissentlich einen Weg eingeschlagen, der für uns heute zum Erfolgsmodell geworden ist. Einen Hauptvorstand als Dach und darunter eigenständige Abteilungen. Diese kümmern sich um den sportlichen Betrieb, während der Hauptvorstand die Rahmenbedingungen für die umfangreiche Vereinsarbeit schafft. Er vertritt den Verein in der Öffentlichkeit, kümmert sich um die Finanzen und vieles mehr, was nicht mit dem täglichen Sportbetrieb zu tun hat, aber eben den Grundstock legt. Das ist schon ziemlich einmalig in unserer Region, denn die wenigsten Vereine sind so strukturiert. Dieses Alleinstellungsmerkmal zeichnet uns aus und davon profitieren wir seit jeher.
Rensing: Über 2.400 Sportler in sieben Abteilungen, über 25.000 Trainingsstunden und das größtenteils ehrenamtlich. Wie schafft es der SCB, immer wieder Menschen zu gewinnen, ohne das Portemonnaie weit öffnen zu müssen?
Ahle: Wir haben einen sehr guten Ruf, den wir uns über die Jahrzehnte hinweg erarbeitet haben. Was uns ausmacht ist das familiäre Umfeld, welches uns überall prägt. Unser Club hat eben noch „Dorfcharakter“ – es kennen sich viele untereinander, die sich gegenseitig unterstützen und da anpacken, wo sie gebraucht werden; das geht auch über den eigenen Tellerrand hinaus. Zudem probieren wir neue sportliche Aktivitäten aus, die nicht unbedingt an Erfolg gekoppelt sind. Wir gliedern Sportarten ein, die auf den ersten Blick nicht direkt etwas mit den traditionellen Sportarten zu tun haben, wie zum Beispiel den historischen Schwertkampf, oder ganz neu den Dartsport. Bei uns kann jeder heimisch werden, zumindest versuchen wir es zu ermöglichen. Vielleicht sind diese einfacheren Wege ein Grund dafür, der die Menschen anzieht. Als kleines Beispiel, ziehe ich hier unter anderem gern den Fußball heran: Zwischen 2002 und 2014 ist die Anzahl der Fußball-Jugendmannschaften von 7 auf 25 angestiegen und auch unsere Leichtathleten halten bis heute eine Mitgliederstärke mit tausend Personen – das kommt natürlich nicht von ungefähr! Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass es auch bei uns zunehmend schwerer wird Menschen für das Ehrenamt zu begeistern, gerade für ein Trainer- oder Vorstandsamt.
Rensing: Guido, Du hast große Fußstapfen vorgefunden, als Christian Waltemate den Vorsitz weitergegeben hat. Bist Du da eher mit Respekt an die Sache range-gangen, oder gleich drauf los, getrost dem Motto: „Neue Besen kehren gut?“
Ahle: Vor der Aufgabe hatte und habe ich großen Respekt und es hat im Vorfeld auch eine ganze Zeit gedauert, bis ich mich zur Amtsübernahme entschlossen habe. Ich war zwar seit 2016 stellvertretender Vorsitzender und konnte schon tief in die Materie hineinschauen, aber unser Verein hat, aufgrund seiner Größe, schon Unternehmerstrukturen. Man ist also eher Geschäftsführer am Schreibtisch, als dass man immer am Sportplatz stehen kann. Für uns gelten dieselben Bedingungen, wie für einen kleineren Verein, was Steuern und Umsätze angeht und da gilt es den Schutz vor Angreifbarkeit zu wahren. Da war Christian Waltemate, allein aufgrund seines beruflichen Werdegangs, intensiver im Thema. Aber schon zu Christians Zeiten haben wir anderen, als ich nenne es mal „Amateure“, schon immer unsere Hausaufgaben gemacht, wenn wir gegen die Profis vom Finanzamt antreten durften.
Des Weiteren muss ich sagen, dass obwohl ich seit 1992 in Borchen wohne, viele „Altgediente“ gar nicht kannte und mir da erst eine Basis aufbauen musste. Christian, als Nordborchener Urgestein, zum Beispiel hat zu runden Geburtstagen gern persönliche Schreiben an die Jubilare geschickt, was ich auch zu Beginn fortgeführt habe, aber wie soll man jemanden mit Worten persönlich berühren, wenn man ihn gar nicht kennt? Ich habe die Schreiben dann sehr allgemein gehalten und musste an der Fleischtheke im Supermarkt einmal mit anhören, wie sich zwei Damen unterhielten, die Post vom Vorsitzenden des SC Borchen bekommen hatten: „Kennst Du den? – Nee, ich auch nicht.“ und dabei stand ich direkt neben den beiden. Das sagt wohl alles, über den Status als Zugezogener, der schon dreißig Jahre hier lebt – es ist ein Stück harte Arbeit, um dazu zu gehören!
Rensing: Als Vorsitzender ist man natürlich nicht everybodys Darling. Das geht auch gar nicht, weil man Entscheidungen treffen muss, die den Gesamtverein betreffen und nicht jedes einzelne persönliche Befinden berücksichtigen kann. Im Vorfeld Deines Amtsantritts hörte man hier und da immer mal wieder Gegenreden. Wie gehst Du mit solchen Situationen um?
Ahle: Vorweg: Der SC Borchen hat viele tolle Menschen in seinen Reihen, mit vielen tollen Ideen! Grundsätzlich kann jeder gerne seine Meinung frei äußern und da gehört natürlich auch Kritik dazu, mit der ich mich dann intensiv auseinandersetze. Als Vorsitzender des SC Borchen muss ich aber den Gesamtverein im Blick haben und da kann es in den einzelnen Abteilungen auch mal zu Enttäuschungen kommen. Ich treffe aber keine Entscheidung im Alleingang. Wir wollen doch schließlich alle dasselbe für unsere Sportler*innen und unseren Verein und das funktioniert nur gemeinsam. Ich schließe mich gerne guten Argumenten an und trage mehrheitliche Entscheidungen mit. Bei uns im Hauptvorstand ist jeder zu gleichen Teilen stimmberechtigt und ich fordere auch von meinen Vorstandskollegen*innen deren Meinung ein. Zuhören und transparent sein ist für mich persönlich wichtig. Alleingänge bringen keinem etwas und sind selten zielführend. Ich erinnere hier an unsere Vereinsgröße! Anlässlich unseres Jubiläums gab es viele gute Ideen, die aber manchmal finanziell nicht umsetzbar, oder aus anderen Gründen nicht vertretbar sind, weil ich eben als Vorsitzender des gesamten Vereins immer alle im Blick haben muss. Das ist manchmal alles nicht ganz einfach einzusehen, aber bei Fehlentscheidungen kann ein Verein auch ziemlich schnell in Schieflage geraten und das gilt es zu vermeiden. Hinter Vorstandsbeschlüssen steckt also kein böser Wille, sondern eine Notwendigkeit. Als Vorsitzender, der die Entscheidungen dann verkünden darf, steht man dann selbstverständlich direkt in der Schusslinie.
Rensing: Im Zuge dessen: Was hast Du in deiner Amtszeit schon angestoßen und was sind weitere Ziele für die nächsten Jahre?
Ahle: Ich bin nun knapp vier Jahre im Amt und denke, dass wir uns gut weiterentwickelt haben. Da wir als Ehrenamtler alle nach Feierabend, oder am Wochenende in unserem Verein tätig sind, war es notwendig durchweg digitaler zu werden. Das ist ein Grund, weswegen der Job im Ehrenamt überhaupt noch leistbar ist. Als Vorsitzender bekommst Du täglich Mails und musst diese dann auch im Urlaub bearbeiten. Andere Vereine unserer Größe, im Kreis, haben hier schon hauptamtliche Kräfte beschäftigt.
Bei einer Tagung des Kreissportbunds habe ich vor einiger Zeit einen Vortrag zum SC Borchen gehalten und viele waren überrascht, dass bei dieser Vereinsgröße die Arbeit noch im Ehrenamt durchgeführt wird. Es haben sich sogar schon Vereine gemeldet, die unsere Strukturen in Teilen übernehmen wollen, was ein positives Feedback zu unserer Arbeit ist.
Als Ziel, für die nächsten Jahre, wäre sicherlich eine achte Abteilung wünschenswert, die den Breitensport auffängt. Die Leichtathleten, als stärkste Abteilung mit über 1.000 Sportlern, stoßen an ihre Grenzen. Um als Sportverein attraktiv zu bleiben, bedarf es weiterer neuer Angebote, denn die Nachfrage an Sportkursen wächst. Zum Beispiel ist Yoga für Männer Ü50 seit einem Jahr neu dabei, wo ich auch jeden Mittwoch neue Muskeln spüre. Wenn wir es schaffen uns weiter neu aufzustellen und dies mit den traditionellen Sportarten verbinden, sind wir für die Zukunft gerüstet!
Rensing: Zum Abschluss: Was wünschst Du dem SCB für die nächsten 100 Jahre?
Ahle: Man könnte es klassisch sagen: „Stets ein gutes Händchen in der Vereins-führung und sportliche Erfolge!“ Aber konkret wünsche ich mir, dass der SC Borchen sich modern weiterentwickelt, dabei aber immer sein familiäres Gesicht bewahrt. Eine hauptamtliche Vereinsführung sollten wir möglichst vermeiden, weil sonst auch die Beiträge erhöht werden müssen.
An mir, aber auch an vielen anderen im Verein, kann man einen klassischen Werdegang sehen. Als ich nach Borchen kam spielte ich noch kurz in der Dritten. Als unser ältester Sohn laufen konnte und das runde Leder für sich entdeckte, wurde ich Betreuer in der F/E-Jugend. Danach Trainer in verschiedensten Mannschaften, ehe ich das Amt des Abteilungsleiters im Jugendfußball übernahm und danach den Schritt in den Hauptvorstand wagte. So hatte ich viele Einblicke in verschiedenste Bereiche und kann mich auch gut in andere Sichtweisen hineinversetzen. Diesen Weg, der nur machbar ist, wenn man den Rückhalt seiner Familie spürt, kann ich nur empfehlen und deshalb muss der Generationenwechsel im Vorstand auch stets im Fokus bleiben, damit ein gutes Team die Geschicke des SCB leitet.
Rensing: Danke Guido für das ausführliche Gespräch und die Einblicke in Deine Arbeit. Ich wünsche Dir und Deinem Team weiterhin ein gutes Händchen, zum Wohle unseres SC Borchen.


